Wieso, weshalb, warum: #kunterbunteskinderbuch

Wie hat alles angefangen?
Auf der Suche nach vielfältigen Büchern für die eigenen oder Freundes-Kinder sind wir (Suse und Raúl) regelmäßig gescheitert.
Als Carina Kühne in der Talkshow „Krauthausen – face to face“ auftrat und eine selbstgeschriebene Geschichte für Kinder vorlas, fingen wir zu dritt an nachzudenken, was es Tolles in der Welt der Kinderbücher gibt.
Und was eindeutig fehlt.
Und weil wirklich eine Menge fehlt, haben wir dieses Projekt begonnen.

Warum eigentlich Kinderbücher?
Weil Kinderbücher wirklich wichtig sind!
Kinderbücher prägen die Sichtweise von Kindern. Deshalb werden Kinderbücher mitentscheiden, wie tolerant und aufmerksam unsere Welt morgen sein wird.
Kinderbücher können die Welt verändern!
In unserer vielfältigen Welt wollen wir Kinderbücher, die diese Vielfalt auch abbilden.

Unsere Erfahrungen:

Raúl:
„Natürlich habe ich als Kind Bücher gelesen. Fast immer mit nicht-behinderten Protagonisten. Das war ok, aber irgendwas hat immer gefehlt. Diese Bücher waren für mich eher wie Märchen. Ich fieberte selten mit einem Charakter mit.
Bei den Büchern, in denen behinderte Charaktere beschrieben wurden, war die Behinderung so zentral und wurde so problematisiert, dass ich mich eher geschämt habe und mit den Protagonisten nichts zu tun haben wollte. Auf keinen Fall wollte ich so sein, wie die Behinderten aus den Büchern. Zum Beispiel beim Buch “Die Vorstadt-Krokodile”.
Ich vermute, dass mir die “behinderte Normalität” fehlte. Denn für Kinder geht es beim Thema Behinderung nicht darum, Behinderungen zu erklären. Es geht um die Geschichte, das Abenteuer und dadurch auch irgendwie die Teilhabe.“

Carina:
„Ich liebe Kinder, weil sie so unvoreingenommen und aufgeschlossen sind.
Ich mag sehr gerne Geschichten von Astrid Lindgren und wollte immer Pippi sein!
Mein Lieblings-Buch ist „Albin Jonathan, unser Bruder mit Down-Syndrom“, weil es zeigt, wie selbständig er ist. Und weil Albin ein Bruder wie alle anderen ist, mit dem man lachen, spielen, streiten und schmusen kann.
Ich wünsche mir ganz viele inklusive Kinderbücher, in denen Gemeinsamkeiten hervorgehoben werden.
Mich macht es traurig, wenn Menschen mit Behinderung so hässlich gemalt sind.“

Suse:
„Im Gespräch mit meinen Kindern und deren Freunden merke ich immer wieder: Kinder sind zwar unendlich neugierig, wollen wissen, wie alles mögliche funktioniert, warum Blumen nach oben und nicht nach unten wachsen, warum Bäume so groß werden und ob das Weltall wirklich unendlich sein kann.
Aber Lebenskonzepte stellen sie kaum in Frage – ob das gleichgeschlechtliche Elternschaft ist oder Leben mit Behinderung.
Es geht also gar nicht darum, immer alles zu erklären, was wir Erwachsenen durch unsere durch gesellschaftliche Normen geprägtes Leben fragwürdig finden,
sondern um Toleranz und das Annehmen von unterschiedlichen Lebensrealitäten.
Mein Sohn hat von klein auf einen Freund, der zwei Mamas hat. In der Vorbereitung auf den Talk fragte ich ihn, ob er das irgendwie bemerkenswert fände – fand er nicht. Und ob er sich gar nicht fragt, wie die beiden Frauen ein Kind bekommen haben? Er fand, da gäbe es einige Möglichkeiten, die er sich vorstellen könnte.
Meine Kinder wachsen mit dem Thema Behinderung auf, Raúl ist ein Teil ihres Lebens. Dabei fällt mir immer wieder auf, dass es wenige Fragen zum Thema Behinderung gibt – und die drehen sich dann um ganz praktische Dinge. Auch wenn sie natürlich auch die äußeren Einschränkungen wahrnehmen, die Rollstuhlfahrer erleben.
Meine Kinder leben in einer Ein-Elter-Familie. Auch das erleben sie – anders als erwachsene gesellschaftliche Normen das darstellen – nicht als defizitär, sondern schlichtweg als eine Lebenweise von vielen. Wichtig war für sie allerdings zu erleben, dass es auch andere Kinder gibt, die so leben.
Es ist nicht akzeptabel, dass Vielfalt in Kinderbücher praktisch nicht stattfindet. Es ist nicht akzeptabel, dass dargestellte Familien üblicherweise Vater, Mutter, Sohn, Tochter, weiß sind. Vielfalt sollte unkommentiert und natürlich stattfinden.“

 

Wie sieht es momentan aus auf dem Kinderbuchmarkt?
Insgesamt gibt es eine schier unüberschaubare Menge an Kinderbüchern – und sehr viele sind wunderschön und beschreiben spannende Geschichten.
Wenn man allerdings auf die in den Büchern umgesetzte Diversität schaut, bleibt leider nicht viel übrig.

Dabei haben wir uns in unseren Recherchen auf zwei Kriterien konzentriert:
Zum einen die themenbezogenen Bücher, zum Beispiel Bücher speziell über Behinderungen.
Zunächst wird klar, dass die wenigsten Büchern von Experten geschrieben wurden, also Menschen, die selbst eine Behinderung haben. Die weitaus meisten Bücher werden von Therapeuten, Familienangehörigen oder am Thema interessierten Autoren geschrieben.
Dann stellt man fest, dass es kaum Kinderbücher über Hörbehinderungen gibt und dass in Kinderbüchern dargestellte Figuren praktisch nie Hörgeräte, Kochlea-Implantate oder ähnliches tragen.
Ein paar wenige Kinderbücher gibt es über die Gebärdensprache und es gibt ein Projekt des Gehörlosenverbandes München und Umland e.V., das Kinderbücher und Märchen online in Gebärdensprache umsetzt.
Im Bereich sehbehinderter Menschen sieht es nicht anders aus. Hier ist das Problem, dass die Produktion von Büchern für Sehbehinderte sehr aufwendig ist – und sich nach wirtschaftlichen Maßstäben nicht rentiert.
Es gibt den Verein anderes sehen e.v., der nicht nur selbst Bücher produziert, sondern immer wieder darauf hinweist, dass sehbehinderte Kinder im Vergleich zu sehenden Kindern eindeutig im Nachteil sind, später Schrift und Buchinhalte kennenlernen und durch die geringe Auswahl schnell an Grenzen kommen.
Beim Thema Down-Syndrom versuchen die vorhandenen Bücher – geschrieben von Menschen, die nicht das Down-Syndrom haben – oftmals nicht-behinderten Menschen zu erklären, wie Menschen mit Down-Syndrom ticken. Dabei wird mehr auf die Unterschiede hingewiesen als auf die Gemeinsamkeiten.
Ebenso sieht es bei Körperbehinderungen aus. In vielen Kinderbüchern ist der rollstuhlfahrende Protagonist auf die Hilfe nicht-behinderter Personen angewiesen.

Neben den themenbezogenen Büchern waren wir auf der Suche nach Kinderbüchern, die ganz nebenbei und natürlich Diversität darstellen. Es ist wirklich sehr schade, wie eigentlich großartige Bücher mit empowernden Geschichten dann leider diese Ausprägung verpassen und weiterhin weiße Kinder ohne Behinderung in klassischen Familienbeziehungen und klischeehaft geschlechtsspezifischen Interessen zeigen.
Aber schließlich wurden wir doch fündig: Ein unscheinbares Englisch-Lernbuch meiner Tochter entpuppte sich als vielfältiges Buch, das eine rollstuhlfahrende Hauptperson Karla hat. Die Behinderung wird nicht thematisiert, sondern findet natürlich und selbstverständlich statt. Zudem gibt es People of Colour, fußballspielende Mädchen und immerhin eine alleinerziehende Mutter.
Ein erstaunlich positives Beispiel: Camden Market vom Schulbuch-Verlag Diesterweg.

 

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